…Von Unterdrückung, Angst und der Suche nach Liebe… (13.05.2019)

Liebirien oder Eine fremde Seele, das ist ein dichter Wald schon allein der Titel macht einen neugierig. Es ist erstaunlich wie minimalistisch ein Bühnenbild sein kann und trotzdem kann man alles ganz genau vor seinem geistigen Auge sehen. Dies liegt natürlich an der grandiosen und authentischen Darstellung der Protagonisten, alles ist besonders intensiv und intim. Die Schauspieler sind im Gesicht weiß geschminkt, tragen weiße Hemden und schwarze Hosen, die Dame trägt ein schwarzes Kleid, dadurch spielt sich alles Gesprochene und nicht gesprochene durch ihre Mimik ab. Durch die Farbe der Kleidung bekommt das Ganze den Charakter eines schwarz weiß Filmes, welches dem Schauspiel ein besonderes Flair verleitet.

In Liebirien werden 4 Werke Cechovs zu einem großen Ganzen zusammengefügt „Die letzte Mohikanerin“, „Der Bär“, „Der Heiratsantrag“ und „Der Familienvater“ um ehrlich zu sein war es meine erste Berührung mit Aggregat Valudskis, aber ich war von der ersten Sekunde an begeistert und fasziniert. Aggregat Valudskis wurde im Herbst 2011 von dem Litauer Regisseur Arturas Valudskis und den Schauspielern Julia SchranzMarkus Kofler und Martin Bermosergegründet, seitdem haben sie fast jährlich ein neues Stück auf die Bühne gebracht.

Eine schwarze Wand… 4 Türen… ein langer Tisch…

Die 3 Protagonisten betreten den Raum und setzen sich an einen Tisch. In der Mitte ein leeres Blatt Papier, ein Mann mit einer Schreibfeder beginnt energisch zu schreiben. Es fällt kein Wort… Die Dame zu seiner Linken entreißt ihm ein Blatt und beginnt diesen in kleine Stücke zu zerreißen. Der Herr zu seiner Rechten entreißt ihm die Schreibfeder und ein weiteres Stück Papier, mit der Feder klopft er immer wieder auf das Blatt. Der Mann in der Mitte verfällt in Verzückung, die Geräusche gefallen ihm. Anton Pavlovič Čechov’s Leidenschaft für das geschriebene Wort hätte nicht besser dargestellt werden können.

Sonja Romei (Olimpiada Jegorowna Chlykina) und Markus Kofler (Dossifej Andrejitsch) spielen ein Ehepaar in „Die letzte Mohikanerin“ und Martin Bermoser ist Dokukin der Bruder von Olimpiada, von der er, aber meiner Meinung nach, nicht sehr viel hält. Olimpiada beschwert sich bei ihrem Bruder über ihren Gemahl, er benehme sich nicht standesgemäß und so möchte sie in die Stadt zum Adelsrichter fahren, um sich auch dort über ihn zu beklagen. Dokukin versteht die ganz Aufregung nicht, hat Dossifej doch nichts angestellt, er ist ein schüchterner Mann, der von seiner Frau vorgeführt wird. Nichts kann er ihr Recht machen, beim Essen hält er den Löffel nicht richtig, die Salatschüssel steht zu nah an seinem Ärmel, seine Haltung ist ihr nicht aufrecht genug und sein Blick steht ihr nicht zu Gesicht. All dies sind nur ein paar Eigenschaften, die sie furchtbar an ihm stören und sie wirf ihm diese ständig an den Kopf, sie redet sich selbst so in Rasche, dass sie erschöpft auf ihrem Stuhl einschläft. Dokukin nutzt die Chance und fragt Dossifej warum er sich das gefallen lässt, er habe nur eine Stunde mit ihr verbracht und ist völlig erschöpft. Darauf entgegnet ihm Dossifej „Streng ist sie schon, das stimmt, aber ich danke Gott Tag und Nacht für sie.  – denn ich empfange nichts als Güte und Liebe von ihr.“ Für Dokukin völlig unverständlich und er bezeichnet ihn als einen verlorenen Mensch! Olimpiada erwacht und befielt Dossifej die Fliegen zu vertreiben, er benutzt dafür eine Waffe und schießt auf die Fliegen was im sichtlichen Spaß bereitet. Bei all der Freude und eventueller aufgestauten Wut löst sich ein Schuss in die falsche Richtung, er erschießt seine Frau und aus Reflex auch noch ihren Bruder. War es Absicht oder doch ein Unfall, dies wird man wohl nie erfahren, denn er verlässt auf leisen Sohlen den Raum als wäre nichts geschehen.

„Der Bär“ handelt von der Witwe Helene Iwánowna Pópow, gespielt von Sonja Romei, die sich geschworen hat bis an ihr Lebensende ihrem verstorbenen Mann treu zu sein. Markus Kofler übernimmt die Rolle des Dieners Luka, er hat gefallen an der gnädigen Frau gefunden und möchte sie dazu animieren wieder unter die Leute zu gehen, so lange sie noch jung und hübsch ist. Martin Bermoser ist in dieser Szene als Artillerieleutnant a.D. Grigórji Stepánowitsch Smírnow zu sehen. Er ist Grundbesitzer und Helenes Mann hat bei ihm noch Schulden offen. Diese möchte er nun einfordern, da er selbst Geldsorgen hat und am nächsten Tag seine Zinsen fällig sind. Frau Popow hat aber kein Bargeld im Haus und vertröstet ihn auf übermorgen, dann ist es aber für Smírnow schon zu spät, so beschließt er so lange ihr Gast zu sein, bis sie bezahlt hat. Helene verlässt den Raum und schickt Luka vor, der erklären soll, dass die gnädige Dame plötzlich erkrankt sei und keinen Besuch empfangen kann. Es überkommt einen das Gefühl, als hätte auch sie Geldsorgen. Grigórji lässt sich davon nicht abschütteln und bleibt. Nach kurzer Zeit betritt Helene mit gesenkten Kopf den Raum, vor lauter Einsamkeit ist sie Geschrei einfach nicht mehr gewöhnt und bittet Smírnow sich zu beruhigen. Er beginnt sein Leid zu klagen, für wie viele Frauen er sich schon zum Narren gemacht hat und wie viel Geld er dadurch verloren hat, doch keine davon konnte aufrichtig lieben. Er ist der Meinung, der Mann sei das einzige Geschöpf, welches treu und beständig in der Liebe ist. Helene ist da natürlich ganz anderer Meinung, hat ihr Mann sie doch jahrelang belogen und betrogen. Die Situation schaukelt sich hoch und die beiden beginnen einen Streit, der in einem Duell enden soll. Helene hat die Waffe auf Grigórji gerichtet, aber sie bringt es nicht übers Herz abzudrucken. Sie befiehlt ihm, ihr Anwesen sofort zu verlassen, doch sobald er aus der Tür ist, ruft sie ihn wieder zurück. Das Spielchen geht einige Male hin und her. Bis die beiden schließlich merken, dass sie einander anziehend finden. Noch bevor sie sich küssen können betritt Luka den Raum und erschießt die Beiden.

Als Vater Stepán Stepánowitsch Tschúkow und Tochter Natália Stepánowna sind Martin Bermoser und Sonja Romei in „Der Heiratsantrag“ zu sehen. Markus Kofler erweckt den verliebten Nachbarssohn Iwán Wassiljisch Lómow zum Leben. Iwán möchte Natália einen Antrag machen, er versucht sein Glück, doch wählt er seine Worte sehr unglücklich. Seit jeher herrscht zwischen den Familien eine freundschaftliche, beinahe verwandtschaftliche Beziehung. Überdies grenzt sein Grundstück direkt an das Ihrige, seine Ochsenwiese berühre ihren Birkenwald. Harsch wird er von Natália unterbrochen, die vehement daraufhin weist, die Ochsenwiese sei die ihrige. Er ist natürlich der festen Überzeugung, dass dem nicht so sei, denn schon die Großmutter seiner Tante habe zwar den Bauern des Großvaters ihres Herrn Vaters die Wiesen zur zeitweiligen Nutzung zur Verfügung gestellt. Das Chaos ist perfekt und die beiden beginnen einen heftigen Streit, den keiner der beiden gewinnen kann. Der ohrenbetörende Lärm ruft den Vater Tschúkow auf den Plan, der den ganzen Aufruhr nicht verstehen kann. Natürlich ist auch er der festen Überzeugung dass die Ochsenwiese ihnen gehöre. So mischt auch er noch im Streit mit. Das ist zu viel für Iwán und er bricht zusammen, aber keinen Grund zur Sorge, es war nur ein kleiner Schwächeanfall. Nun ist auch Natália von ihrem Vater informiert worden, dass Iwán um ihre Hand anhalten will und sie ist voller Vorfreude. Erneut beginnen die Beiden ein vermeintlich ungefährliches Gespräch und es scheint sich ganz gut zu entwickeln, käme da nicht plötzlich die Frage auf wer doch denn bessern Hund hätte. Erneut entflammt ein Streit und abermals steht Tschúkow auf der Matte und beteuert das sein Hund der bessere ist, wie könnte es auch anders sein. Diesmal ist es zu viel für den jungen Mann und er bricht leblos zusammen.

In „Der Familienvater“ schlüpft Martin Bermoser in die Rolle des Vaters Stepan Stepanytsch Shilin, seine Frau wird von Sonja Romei dargestellt und den Sohn gibt Markus Kofler zum Besten. Der Vater ist ein Tyrann und beklagt sich über das schlechte Essen. Die Suppe steht ihm einfach nicht zu Gesicht, der Junge hat seiner Meinung nach keine Manieren bei Tisch und so weist er ihn in seine Schranken. Anfangs verbal, danach mit Gewalt und zum Schluss hat man den Eindruck er möchte seinen Sohn in der Suppe ertränken. Die Mutter ebenfalls eingeschüchtert von ihrem gewalttätigen Gatten, kann einfach nur hilflos zusehen. Plötzlich überkommt den Sohn eine entsetzliche Wut und seine Mutter und er schlagen 5x auf ihre Suppenschüsseln ein, erst danach erschießt der Sohn seinen Vater. Ich bin der Meinung dies soll das sogenannte „5 vor 12“ darstellen, der eingeschüchterte Sohn hat einfach keinen anderen Ausweg mehr gesehen um sich von den täglichen Qualen zu befreien. Das spannende an der Szene ist, die Akteure bekleiden ihre Knie mit Hemd und Rock und hauchen ihnen somit Leben ein, es wird nicht gesprochen, die Schauspieler geben nur fernöstlich klingende Laute von sich, aber man kann auch ohne Worte der Handlung problemlos folgen.

Nach bereits 70 Minuten ist dieses Theatererlebnis leider schon wieder vorbei, von mir aus hätte es noch andauern können. Wer jetzt glauben mag der Abend war auf Grund der dramatischen Werke nicht lustig, der irrt, die Themen waren ernst, aber sie wurden uns auf humoristische Art vermittelt und haben einen doch nachdenklich zurück gelassen. Man spürt wie viel Herzblut Arturas Valudskis in diese Produktion gesteckt hat, auf seinem Gebiet ist er wahrlich eine Ko­ry­phäe und auch die Schauspieler waren mit Herz und Seele dabei. Martin Bermoserkonnte erneut wieder unter Beweis stellen wie wandlungsfähig er ist, fällt es ihm sichtlich leicht in den verschiedenen Gefühlswelten problemlos und authentisch zu switchen. Markus Kofler kann mit einem einzigen Blick den Leuten ein Lachen hervorlocken, er hat ein Gespür für das pantomimische. Sonja Romei ist ebenfalls eine grandiose Schauspielerin, die das Publikum mit einer Leichtigkeit in ihren Bann gezogen hat. Es ist einfach traumhaft, wenn 3 Schauspieler so perfekt miteinander harmonieren.

Es war ein mehr als beeindruckender Abend, ein großes Danke an die 3 wundervollen und talentierten Protagonisten.Wer Liebirien nicht gesehen hat, der verpasst ein unvergleichliches Erlebnis!

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