Wenn Jesus die Wiener Bühne zum Beben bringt… (12.04.2019)

Wie jedes Jahr zu Ostern, stand auch dieses Jahr wieder „Jesus Christ Superstar“ auf dem Spielplan der Vereinigten Bühnen Wien. Man kann sagen, daraus hat sich schon eine Tradition entwickelt.

Auch dieses Jahr wartete „Jesus Christ Superstar“ mit einer hochkarätigen Besetzung auf.

Drew Sarich war natürlich wieder in seiner Paraderolle als Jesus zu sehen und was soll man zu diesem Mann nur sagen, seine Stimme, seine Ausstrahlung und sein Schauspiel machen es zu einem Genuss ihm zuzusehen und vor allem zuzuhören. Er hat die Rolle förmlich in sich aufgenommen, man lebt jeder Sekunde mit ihm mit, sein Schauspiel ist so authentisch und fesselnd, dass man förmlich ins Geschehen eingreifen möchte. Bei „Gethsemane“ gab es zurecht Standing Ovation.

Sein Pendant in From von Judas wurde von Gino Emnes zum Besten gegeben, ein wirklich sehr starker und vor allem würdiger Gegner im Kampf der Stimmen. Sowohl im Gesang als auch im Schauspiel hat er mich mehr als überzeugt. Er ist mit dem Herzen dabei, man kann spüren in welchem Zwist er sich mit sich selbst befindet, pure Wut und Verzweiflung zwingen ihn letztendlich dazu seinen Freund zu verraten.

Als Maria Magdalena war Sandy Mölling zu sehen. Viele werden sie noch als Bandmitglied der No Angels kennen, aber schon seit längerer Zeit ist sie immer wieder auf Musicalbühnen in Deutschland zu finden. Die Rolle steht ihr sehr gut zu Gesicht und auch gesanglich macht sie eine sehr gute Figur auch im Zusammenspiel mit ihren Kollegen harmoniert sie hervorragend.

Kaiphas schenkte Dennis Kozeluhseine unverkennbare Stimme, sein tiefes Timbre flößte seiner Figur das nötige Böse ein. Sein politisch Verbündeter war der hinterhältige Hohe Priester Annas perfekt besetzt mit Alex Snova.Trotz für diese Rolle doch eher ungewöhnlich heller Stimme unterstreicht er die hinterhältige Seite von Annas. Zur Seite stehen ihnen die Priester in Form von Gerben GrimmiusFlorian Resetarits und Timo Verse,die die perfekte Mischung aus bösartig und gemein bilden.

Simon wurde von David Rodriguez-Yanez verkörpert er hat seinen großen Auftritt mit seinem Solo „Simon Zealotes“. In seinem Song singt er unter anderem:

„There must be over fifty thousand
Screaming love and all for you
And everyone of fifty thousand
Would do whatever you ask him to…“

Doch wenn es wirklich ernst wird und Jesus um sein Leben fürchten muss, sind Simon und Maria Magdalena die einzigen, die noch wirklich zu ihm stehen.

Petrus, ebenfalls ein Apostel Jesu, wird von Christopher Dederichs dargestellt. Er bringt für seine Rolle die perfekte, gefühlvolle Stimme mit und unterstreicht damit die schüchternen Charakterzüge seiner Bühnengestalt.

Für Pontius Pilatus konnte man erneut den stimmgewaltigen Filippo Strocchigewinnen. Schauspielerisch wie gesanglich hat er dieses Jahr noch eine Schippe draufgelegt, die Zerrissenheit Pontius Pilatus hat er mehr als glaubwürdig dargestellt. Man merkt, dass er Mitleid mit Jesus hat und ihm eigentlich nichts Böses will, doch aufgehetzt von der wilden Meute ergibt er sich den Rufen und lässt ihn schließlich auspeitschen.

Für den extrovertierten König Herodes hätten sie keinen besseren finden können als den vielseitigen Allrounder Martin Bermoser. Es ist unglaublich zu sehen wie wandlungsfähig er ist und wie facettenreich sein Stimmrepertoire ist. Durch die exakte Mischung an Skurrilität in seinem Schauspiel, dem Zeigen seiner komödiantischen Seite und seiner immensen Bühnenpräsenz bleibt er dem Publikum auch trotz nur einer einzigen Szene im Gedächtnis.

Die Soul Girls bildeten Barbara CastkaAnouk Rietveld und Tanja Schön.

Ein wirklich starkes Ensemble mit unverkennbaren Stimmen hat diesen Abend zu einem wahren Genuss für Augen und Ohren gemacht. Ein großes Dankeschön an alle Protagonisten, die diesen Abend zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht haben: Ihr seid großartig! Wer die Chance hat „Jesus Christ Superstar“ zu sehen, sollte sie unbedingt nutzen, er wird nicht enttäuscht werden.

Die konzertante Version steht immer auch für das großartige Orchester der Vereinigten Bühnen Wien unter der Leitung von Carsten Papp. Es ist immer wieder ein besonderes Erlebnis, das Orchester der VBW so nah erleben zu dürfen. Natürlich hört man sie auch wenn sie im Orchestergraben sind, aber sie auch mal richtig zu sehen und beim Spielen beobachten zu können, ist doch etwas ganz Einzigartiges.

Leider muss man aber sagen, dass durch das Bühnenbild „der Torte“ von „I am from Austria“ der Platz auf der Bühne etwas dezimiert wurde. Dadurch ist der Rahmen zwar intimer als je zuvor, aber es wird doch etwas kuschelig auf der Bühne. Die LED-Wand ist zwar sehr gut ins Geschehen eingebaut, doch bekommt man trotz alledem öfters das Gefühl, dass ein bisschen mehr Platz für die Darsteller ganz schön gewesen wäre, jedoch meistern sie auch diese Situation mit Bravur.

Sex Sells ist auch in dieser Produktion wieder ein Thema. Knappe Kostümchen in Form von Bodys mit Fransenärmeln und viel nackter Haut werden geboten. Es ist natürlich nicht so dass die Damen und Herren der Schöpfung es sich nicht leisten könnten, aber es stellt sich einem doch die Frage, ob dies wirklich notwendig ist. Funktionieren Geschichten und Erzählungen wirklich besser wenn man nach dem Prinzip weniger ist mehr arbeitet? Diese Frage wird uns wohl noch öfters beschäftigen.

Alex Balga als diesjähriger Regisseur schafft eine Brücke zwischen der heutigen Zeit und der Bibel. Jesus ist allgegenwertig. Der Beginn des Stückes führt uns in eine graue Welt, voll Hass und Krieg. Nicht nur durch die in grau gehaltenen Kostüme wird uns diese Situation vermittelt, auch durch die große LED-Wand im Hintergrund auf der Filme voll von Gewalt und Hass gezeigt werden. Eine bedrückende Stimmung, die aber auch gleichzeitig zum Nachdenken anregt.

Die Inszenierung lässt auch wieder viel Interpretationsspielraum… eine Szene zwischen Judas und Maria Magdalena, in der er ihr ihre Handtasche entreißt und daraus ein grünes Fläschchen zieht…Was folgt sind vorwurfsvolle Blicke, aber was haben sie zu bedeuten? Ist es ein Anzeichen dafür, dass Maria Magdalena auf Grund ihres Liebeskummers heimlich Alkohol trinkt oder setzt sie die Anhänger oder gar Jesus selbst unter Drogen?

Und wie kann man die Beziehung zwischen Jesus, Judas und Maria Magdalena deuten? Ist Judas in Maria Magdalena verliebt und verrät er deswegen seinen besten Freund, um sie für sich zu gewinnen oder liebt er gar Jesus und verrät ihn weil dieser seine Liebe nicht erwidert? Verdammt er Jesus nur aus Habgier oder doch wegen unerfüllter Liebe? Diese Fragen werden wohl für immer ungeklärt bleiben.

Jesus galt als Retter der Armen und Schwachen. Ein starker Mann, der sich gegen das System stellte, doch immer frei von Waffen und Gewalt. Er animiert die Leute mehr an sich selbst zu glauben und für das einzustehen woran sie glauben, sich nicht alles von Großmächten gefallen zu lassen. Er missbilligt Krieg, will den Ausgestoßenen helfen, wird dadurch wie ein König verehrt, was er selbst gar nicht möchte. Das stößt den Großmächten sauer auf. Diese sehen eine große Gefahr in ihm, da sie kein denkendes Volk wollen, sondern Marionetten, die ihnen in allem zustimmen. Letzen Endes wird er für sein aufopferndes Tun und Handeln noch bestraft und gekreuzigt.

Sogar seine engsten Freunde verleugnen ihn plötzlich und stellen sich gegen ihn. War es seines Vaters Plan zu zeigen, schwimme lieber mit dem Strom sonst passiert dir etwas. Das glaube ich nicht.

Andrew Lloyd Webber und Tim Rice schufen ein zeitloses Werk mit großem Nachklang.

Man fragt sich wie sehr man jemanden wie Jesus in der heutigen Zeit braucht. Die Medien sind voll von Negativschlagzeilen und gegenseitigem Missverständnis, die Angst in dunkle Zeiten abzurutschen ist omnipräsent, doch wird es leider diesen einen Retter nicht geben. Wir müssen wieder lernen mehr Liebe und Frieden auf der Welt zu schaffen.Es ist gut an Dinge zu glauben sei es jetzt Jesus, Gott, Buddha oder an wen man auch immer glauben  möchte, doch auch hier sollte gelten alles mit Ziel und Maß. Man kann und sollte nicht jeden bekehren wollen, man sollte in erster Linie den Menschen klar machen, wie wichtig es ist, an sich selbst zu glauben und für Dinge einzustehen. Jeder einzelne von uns kann die Welt ein Stückchen besser machen, wir müssen uns nur trauen. Doch sollten wir uns immer vor Augen halten… Gewalt ist keine Lösung und erzeugt immer nur Gegengewalt.

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