KIRSCHGARTEN – Eine Komödie ohne Bäume… (12.02.2019)

Das TAG (Theater an der Gumpendorfer Straße), war mir neu, ich habe es beim vorbeigehen registriert, aber mich noch nie genauer damit auseinander gesetzt, dieser Zustand musste geändert werden und so stand, nach einer Empfehlung, der erste Besuch an. Gezeigt wurde Kirschgarten – Eine Komödie ohne Bäume. Um ehrlich zu sein, mit dem Titel konnte ich anfangs nichts anfangen, aber nach einer kurzen Recherche wusste ich, dass es sich hierbei um das letzte Stück von Anton Tschechow handelte. Ich war darauf vorbereitet, dass es eventuell schwere Kost sein könnte, aber es stellte sich heraus, dass es aufgrund der grandiosen Schauspieler leicht verständlich, aufregend und absolut spannend war.

Wir betreten den Theatersaal, gehen zu unseren Plätzen und uns gegenüber im Dunkeln sitzen die sechs Protagonisten des Abends. Eine sehr spannende Erfahrung auch mal für kurz auf der anderen Seite zu sein und sich von einem Publikum beobachtet zu fühlen. Das Licht geht an und nach und nach treten die Schauspieler ins Licht und imitieren die Geräusche einer Uhr. Dann begeben sie sich auf ihre Plätze und das Schauspiel kann beginnen. Karola Niederhuber bricht das Eis und beschreibt eindrucksvoll die unendliche Schönheit des Kirschgartens, in dem wir uns befinden. Alles wird so detailliert beschrieben, dass man das Gefühl hat tatsächlich am gleichen Ort wie sie zu sein. Das Stück spielt um 1900 und wir befinden uns auf einem russischen Landgut mit einem prächtigen Herrenhaus, welches für seinen beeindruckenden Kirschgarten bekannt ist. Die Gutsbesitzerin Ranjewskaja ist mit ihrer Tochter Anja zurück aus Paris gekommen, da ihr Haus und Hof versteigert werden soll, die Schulden sind zu hoch und eine Versteigerung scheint der letzte Ausweg zu sein. Ranjewskaja ist damals, vor fünf Jahren, nach dem tragischen Tod ihres Sohnes, der im nahe gelegenen Fluss ertrunken ist, mit ihrem Geliebten nach Paris geflohen um das Leid zu vergessen. Doch die Erinnerung holt sie wieder ein. Zum großen Schrecken aller ist ihr Bruder Gajew genauso schlecht im Umgang mit Geld wie sie, beiden haben ihr Hab und Gut für Dinge ausgegeben die sie eigentlich nicht brauchen und sind nun am Verzweifeln, denn um keinen Preis wollen sie den Kirschgarten verlieren. Der Kaufmann Lopachin, der ehemalige Leibeigene der Familie, ist zu Geld gekommen und könnte die langersehnte Rettung sein. Zum einen wäre es eine Möglichkeit die Pflegetochter Warja zu heiraten, jedoch soll sich ihr Wunsch nicht erfüllen. Auf der anderen Seite hat Lopachin die Idee Ferienhäuser auf dem Grundstück bauen zu lassen und diese an Sommergäste zu vermieten und somit den Besitz weiterhin zu finanzieren. Die ganze Sache hat aber einen bitteren Beigeschmack, dafür müsste der geliebte Kirschgarten abgeholzt werden. In dem ganzen Chaos entfaltet sich eine kurzweilige Liebesromanze zwischen Anja und dem ewigen Studenten Trofimov, der früher der Lehrer des ertrunkenen Sohnes der Gutsherrin war. Anja hat wahre Gefühle für Trofimov entwickelt, doch bei ihm stellt sich die Frage ob er nur mit ihr spielt, da er auch der Gutsherrin auf seine schräge Art und Weise seine Liebe gesteht. Bevor es zu dem gefürchteten Verkauf kommt, wollen aber alle noch einen letzten Sommer in ihrem geliebten Kirschgarten verbringen und teilen gemeinsame Erinnerungen. Es kommt wie es kommen muss Lopachin kauft das Anwesen und lässt den Kirschgarten abholzen, die Familie versucht ihn zu stoppen aber vergeblich. Die Gutsbesitzerin zieht zurück nach Paris und auch alle anderen verlassen Haus und Hof nur der alte, treue Diener Firs bleibt zurück, man hat ihn einfach vergessen und er weiß nicht mehr wohin mit sich, vor lauter Trauer ist er meiner Meinung nach an einem gebrochenem Herzen gestorben.

Michaela Kaspar ist als die starke und zugleich sehr zerbrechliche Gutsherrin Ranjewskaja zu sehen, eine sehr beeindruckende Frau, sie besitzt einen fesselnden Blick und ihr Schauspiel ist absolut überzeugend und authentisch. Sie zeigt Ranjewskaja als selbstbewusste Frau, die scheinbar alles im Griff hat, doch tief in ihrem Inneren sieht es ganz anders aus, sie hat mit Ängsten und Verlust zu kämpfen und dies stellt sie eindrucksvoll dar.

Der Kaufmann Lopachin und ehemalige Leibeigene der Familie wurde von Jens Claßen verkörpert. Anfangs hat man den Eindruck er möchte der Familie wirklich helfen und ist auf ihrer Seite, doch gegen Ende zeigt er sein wahres Gesicht. Er rechnet mit der Familie ab, denn nun ist er es der ganz oben steht und sein Vater und Großvater wären endlich stolz auf ihn. Ein sehr starker und überzeugender Charakter.

Raphael Nicholas ist in einer Doppelrolle zu sehen er haucht Firs dem alten Diener, sowie Trofimov dem ewigen Studenten Leben ein. Von den männlichen Schauspielern ist er der jüngste und spielt den ältesten, was ich persönlich sehr beeindruckend fand und ein mutiger, aber gelungener Schritt, weil ich ihm das Alter tatsächlich abgenommen habe. Es waren einfach seine Bewegungen, der Ausdruck in seinem Gesicht und die schrullige Art, die es mir einfach gemacht haben, ihn als alten Mann zu sehen. Bestimmt keine leichte Aufgabe, aber er hat sie mit Bravour gemeistert, genauso wie Trofimov, der im Gegensatz zu Firs ein junger Mann ist.

Ebenfalls in einer Doppelrolle kam Lisa Schrammel als Anja & Warja zum Einsatz, der Unterscheid zwischen den beiden Rollen war optisch nur durch einen Zopf und einer Schüre verdeutlicht, aber durch ihr hervorragendes Schauspiel, hat sie beiden Damen einen komplett anderen Charakter und Sprechstimme verliehen, dass man tatsächlich glauben konnte, es wären zwei verschiedene Schauspielerinnen am Werk. Auch die Verliebtheit der beiden Rollen war komplett unterschiedlich.

Karola Niederhuber hat die witzige und etwas verrückte Gouvernante Charlotta zum Besten gegeben. Sie wirkt, wie eine Verbindung zwischen den übrigen Schauspielern, dem Publikum und dem reduzierten Bühnenbild, wie zum Beispiel mit dem zerreißen eines Blatt Papieres stellt sie den Blütenregen der Kirschbäume dar, sie nimmt mit ihrer Mimik das Publikum an der Hand und begleitet uns durch die verschiedenen Szenenbilder.

Georg Schubert war als Gajew, dem Bruder von Ranjewskaja zu sehen. Seine Fähigkeit in der einen Sekunde, der unterdrückte Bruder und in der nächsten Sekunde, der schon fast verrückt wirkende Gutsherr zu sein, der seine Fehler nicht wahrhaben will, lässt einem hinter die Fassade der Figur blicken.

Regie führte der Litauer Arturas Valudskis der mit seiner großartigen Inszenierung, diesen Abend zu einem besonderen Erlebnis gemacht hat. Valudskis setzt auf ein sehr schlichtes Bühnenbild, es besteht aus einer Tür, einem Fenster und Stühlen für die Protagonisten, aber um ehrlich zu sein mehr braucht es auch nicht, somit sind der eigenen Vorstellungskraft auch keine Grenzen gesetzt. Wie viele andere russische Bühnenwerke und auch literarische Exposés ist Tschechows Kirschgarten sicherlich keine „leichte Kost“. Es führt sozusagen zu Mitmachtheater, man darf sich nicht nur berieseln lassen, sondern es regt die Fantasie an und fordert das aktive Mitdenken.

Das man nicht immer ein aufwendiges Bühnenbild braucht um die Fantasie anzuregen zeigten uns die sechs Protagonisten des Abends mit Hilfe von Vokalimprovisationen, als sie zum Beispiel einen Sturm nur durch Klopf und Stampf Geräusche und das bewegen einer Tür zeigten. Man konnte den Wind förmlich spüren. Ein wahrlich gelungener Schachzug des Regisseurs.

Tschechows Kirschgarten führt uns vor Augen, wie vergänglich doch die Zeit ist, dies können auch die größten Besitztümer nicht ändern. Ranjewskaja und Gajew sind gut situiert aufgewachsen, doch kannten sie keine Grenzen und standen von einer Sekunde auf die nächste vor dem Nichts. Da sie niemals den richtigen Umgang mit Geld erfahren durften, haben sie natürlich auch keine Reserven für schlechte Zeiten angelegt. Das Pendel der Zeit schlägt unaufhörlich weiter. Sie glauben Geld sei das Wichtigste im Leben. Die Töchter Anja und Warja sollen gut situiert heiraten um versorgt zu sein. Sie haben aufgehört die wahren Dinge im Leben zu schätzen, so auch die Natur, verdeutlicht durch ihren Kirschgarten, erst als sie kurz davor sind ihn zu verlieren, sehen sie ihn wieder mit dem Herzen und erinnern sich an die schönen Tage ihrer Kindheit. Die Zeit vergeht manchmal schneller als wir es uns wünschen, deshalb sollten wir jeden Moment genießen und uns nicht von materiellen Dingen abhängig machen sondern wieder lernen mit dem Herzen zu sehen.

Ein wirklich sehr beeindruckender Abend mit grandiosen Schauspielern, wer also einen wirklich spannenden Theaterabend erleben will, der sollte sich den Kirschgarten auf keinen Fall entgehen lassen.

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